„Kleine Verbesserungen im großen Ganzen“ von einem ganz Großen

Hans Rosling hat Fidel Castro und Al Gore Lektionen über den Zustand der Welt erteilt. Bis 2017 hat ihm der Krebs Zeit gelassen für sein Geschenk an die Welt: „Factfulness, wie wir lernen die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist.“Dieser Titel verwandelt das eigene Unwissen in Wohlbefinden. Die zehn Verzerrungen, die eine sachliche Analyse behindern, sind mit einfachen Mitteln behandelbar. Das ist so überzeugend, dass Bill Gates das Buch jedem US Absolventen schenkt und Lektionen für unser Anliegen einer besseren Finanzplanung & Analyse gezogen werden.

Im Ergebnis münden diverse Aspekte stets in der einen Aussage: stetig kleine statt weniger großer Schritte ergeben sich aus unaufgeregter Fakten-Analyse mit dem Wissen um Unsicherheit in jeder Prognose.

Unsere Schulbücher aus den 70ern und die Welt 2015 zeichnen zwei unterschiedliche Bilder (Quelle Gapminder).

Die erste Lektion, Schulwissen altert und ohne „Refresh“(eine intendierte Anspielung an das Buch des heutigen Microsoft CEO) bleibt unsere Weltsicht dort verhaftet. Zum Beispiel existiert die Lücke zwischen arm und reich nicht mehr. Die Lücke ist geschlossen mit der Mehrheit der Menschheit, die mit 2 USD bis 32 USD täglichem Einkommen lebt. Elektrizität, Wasser, Gesundheitsversorgung und 9 Jahre Schulbildung stehen fast 90% zur Verfügung. In Demokratie leben knapp 60%. Was uns fehlt, ist der Refresh und die stete Analyse der Effekte kleiner Veränderungen. Diese werden zu häufig überlagert mit Durchschnittswerten und Geschichten über die Extreme.

Woher also die Schwarzmalerei,im Buch unter „negativity instinct“geführt? Die extreme Armut hat sich seit 1996 absolut fast halbiert. Relativ ist sie durch das Bevölkerungswachstum gar von einem Drittel auf 9% zurückgegangen. Auch die Lebenserwartung liegt bei 72 Jahren –weltweit wohlgemerkt. Nackte Zahlen helfen Schwarzmalerei zu begegnen und rückläufige Zahlen in Bezug zu setzen. Im Unternehmen relativiert ein relevanter Zeitraum manchen Instinkt zum Aktionismus aus dem Ist-Ist Vergleich. Weiter zu beachten ist eine entfernt stattfindende Katastrophe in den lokalen Medien. Es bleibt unerwähnt, dass der rapide Rückgang an Katastrophenopfern durch viele kleine Schritte das entfernte Leid an den heimischen Leser bringt. Das lässt sich auch anwenden auf die vermeintlich unvermeidlichen Digitale-Disruptions-Vermeidungs-Investitionen.

Punkt 3 ist eine Lektion in der Erkennung von Trends und eine Absage an die lineare Regression. Exponentielle Sachverhalte bieten bei früher Erkennung Chancen und sind trotzdem zu verifizieren. Die großen Plattformen (Google, Apple, Facebook, Microsoft und Amazon) konzentrieren ihre M&A Strategie u.a. um diesen Effekt. Ein schönes Beispiel sind die Gapminder Visualisierungen. Das kostenfreie Programm für die Analyse öffentlicher Daten entstammt der Stiftung von Hans und seinem Sohn (Link zum Download).

Die instinktive Angsttreibt unsere Gesellschaft um. Sie ist schlechter Ratgeber und guter Verkäufer. Die Risiko-Betrachtung als Gefahr  Eintrittswahrscheinlichkeitsorgt für eine reflektierte Entscheidung. Terror bspw. führt in unserer Region (>32 USD Einkommen) seit 1997 konstant zu ca. 150 Opfern p.a. (ausgenommen 9/11). Die„ärmeren“drei Gebiete darunter verzeichnen einen Anstieg von 5k auf 15k Terroropfer.

Das Kapitel über Größeverlangt, Zahlen in Relation zu sehen.  Eine Forderung des Beyond Budgeting ist bspw. der Vergleich mit Wettbewerbern. Was bedeutet Umsatzwachstum am unteren Ende eines expandierenden Marktes? Rosling greift das Pareto-Prinzip auf und fordert weiter, die erste Auseinandersetzung mit dem Elefanten im Raum zu führen.

Generalisierungist ein Instinkt, der mögliche Potentiale überblendet. Das Kapitel ist wertvoll im Ansatz, Gruppen an sich und übergreifend auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten hin zu prüfen sowie zu verfeinern. Auch die Mehrheit lässt Spielraum für Potentiale, beginnt sie doch bei 50%. Ganz im Sinne der Superforecaster ist Neugier bei Unbekanntem neben dem Refresh des Bekannten ein guter Partner der Entscheidungsfindung.

Unter Schicksal versteht Rosling das Beharren auf vermeintlichen Axiomen. Chinesische Touristen geben in München mittlerweile mehr aus als arabische Gäste, wenn das die Großeltern wüssten. Kleine Veränderungen konstant zu verfolgen und mit der Frage: „wie wurde das vor 20 Jahren gemacht?“einzurahmen, bietet eine Perspektive auf vermeintlich unabwendbare Schicksale.

Apropos Perspektive. Die Einzelne ist stets zu hinterfragen, selbst die eigene. Hier habe ich einige besondere Aspekte verzerrter Perspektiven in der Planung durchleuchtet. Das Kapitel liefert mit der Kombination und Gleichstellung von Zahlen und Geschichte das stärksten Argument für eine bessere Planung. Auch die Welt der künstlichen Intelligenz hat das verstanden und führt mit „Hypbrid Forecasting“ eine Kombination unseren kognitiven Fähigkeiten (Analyse, Interpretation, Neugierde) und der Rechenleistung sich aktualisierende Datenbanken (Refresh) auszuwerten (Statistik) als Best Practise für Prognosequalität und – genauigkeit.

 

Der zehnte Punkt ist das Blame Game. Statt sich auf vermeintliche Schuldige einzuschießen, ist die Ursachenforschung zielführender. Das verlangt einen strukturierten Ansatz. Sich gute Ergebnisse auf die Brust zu heften, ist am anderen Ende des Ergebnisspektrums ebenso wenig zielführend. Jim Collins hat daraus in seinem Buch „Good to Great” den Level 5 Manager abgeleitet. Der Level 5 Manager verweist bei guten Ergebnissen auf glückliche Umstände und bei schlechten auf das eigene Handeln, die Stufen unter ihm machen es anders herum.
Das Ergebnis ist oben vorweggenommen und im Buch für eine gute Sache eingesetzt. Folgt man diesem Ansatz, ist die Welt wirklich besser als ihr Ruf. Danke Hans Rosling für dieInspiration.